
Fosco Maraini, eine der faszinierendsten und am schwersten einzuordnenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, stellt nach wie vor ein wichtiges Bindeglied zwischen Okzident und den Kulturen Ostasiens dar. Mehr noch als der Erkundung verschiedener Regionen galt sein Leben einer ständigen Erkundung der Seele, umgesetzt durch einen Ansatz, der wissenschaftliche Genauigkeit, Künstlertum und eine tiefgründige Ethik der Begegnung vereinte.
Der 1912 in eine kosmopolitische Familie geborene Maraini machte die ganze Welt zu seinem Zuhause. 1937 brach er zusammen mit dem Orientalisten Giuseppe Tucci zu einer fünfmonatigen Expedition nach Tibet auf, Ende des Jahres zog er dann mit seiner Familie nach Japan, das zu seiner zweiten Heimat sowie zum Mittelpunkt seiner Studien werden sollte. Dort betrieb er bedeutende Forschung über das Ainu-Volk in Hokkaido und dokumentierte nicht nur durch Texte, sondern auch Fotos Riten und Traditionen, die fast schon ausgestorben waren.
Sein Leben war auch von äusserst schwierigen Momenten geprägt: Unmittelbar nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten vom 8. September 1943 lehnte er es ab, sich der faschistischen Repubblica di Salò anzuschliessen, woraufhin er zusammen mit seiner Frau Topazia Alliata und seinen Töchtern Dacia, Yuki und Toni bis zum 15. August 1945 in einem japanischen Gefangenenlager interniert wurde.
Nach dem Krieg schlug er in seiner Arbeit mehrere Richtungen ein. Zunächst nahm er ein weiteres Mal als Gefolgsmann von Giuseppe Tucci an historischen Expeditionen teil und schrieb darüber eindrucksvolle Berichte, so etwa Geheimnis Tibet (1951, dt. Ü. 1953), ein zwischen gesellschaftlicher Analyse und epischer Erzählung angesiedeltes Werk. Als Alpinist nahm er an der erfolgreichen italienischen Besteigung des Gasherbrum IV (legendärer Berg im Karakorum zwischen China und Pakistan) im Jahr 1958 teil und bewältigte dabei nicht nur den Aufstieg, sondern war auch zuständig für die filmische und fotografische Dokumentation.
Maraini war auch Spracherneuerer. Mit seinen fànfole und der Sammlung Gnòsi delle fànfole (1994) betrat er den Bereich der metasemantischen Dichtung, in deren Rahmen der Klang der Worte den Eindruck tiefer Bedeutung erweckt, obwohl sie gar keine wörtliche Bedeutung haben – ein intellektuelles Spiel, das bis heute seinesgleichen sucht.
Maraini verfolgte die Entwicklung der asiatischen Kulturen stets aufmerksam und schilderte Japans Übergang zur industriellen Moderne in Werken wie Nippon (1956, dt. Ü. 1958), womit er für die internationale Orientalistik dauerhaft eine Referenz blieb. Dank seiner Fähigkeit, das Wesen einer Kultur mit der Kameralinse einzufangen, ist ein Archiv von unschätzbarem Wert entstanden, das heute dank der klugen Voraussicht seiner Töchter Dacia und Toni, seiner Enkelin Yoï sowie seiner zweiten Ehefrau Mieko Namiki (die er 1970 geheiratet hatte) vom Gabinetto Vieusseux in Florenz bewahrt und gepflegt wird.
Fosco Maraini war Träger namhafter internationaler Auszeichnungen sowie Dozent für Japanische Sprache und Literatur an der Universität Florenz (1972). Er verstarb 2004 und hinterliess eine Methode der Weltbeobachtung, die auf Staunen, Respekt und einem tiefen Verständnis der Verschiedenheit aller Menschen beruht.
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